Wofür Relativsätze da sind
Ein Relativsatz gibt zusätzliche Information zu einem Nomen, ohne dass ein neuer Satz nötig wird. Statt zweier kurzer Sätze entsteht einer:
- Das ist die Kollegin. Sie arbeitet in Hamburg. → Das ist die Kollegin, die in Hamburg arbeitet.
- Ich suche den Brief. Ich habe ihn gestern bekommen. → Ich suche den Brief, den ich gestern bekommen habe.
Genau das ist der Grund, warum Relativsätze in Prüfungen so viel Gewicht haben: Sie zeigen, dass jemand Gedanken verbinden kann, statt sie zu addieren. In den Bewertungsrastern ab B1 steht das unter Stichworten wie Satzverknüpfung oder Textkohärenz – und es ist einer der schnellsten Wege, im schriftlichen Teil Punkte zu gewinnen. Mehr dazu unter Schreiben üben.
Zwei Regeln, mehr braucht es nicht
1. Genus und Numerus
kommen vom Bezugswort im Hauptsatz. Ist dort der Brief, ist das Relativpronomen maskulin Singular.
2. Der Kasus
kommt aus dem Relativsatz selbst – aus der Rolle, die das Pronomen dort spielt. Subjekt? Nominativ. Objekt? Akkusativ.
Und die Form
Das Verb geht ans Ende, vor dem Relativsatz steht immer ein Komma. Ohne Komma ist der Satz falsch.
Diese Trennung ist der ganze Trick. Viele Lernende übernehmen den Kasus aus dem Hauptsatz – daher kommen Sätze wie Ich kenne den Mann, den dort steht. Richtig ist der, denn im Relativsatz ist der Mann das Subjekt. Wenn der Kasus generell wackelt, beginnen Sie besser dort: Akkusativ oder Dativ?
Die Tabelle der Relativpronomen
Die gute Nachricht: Die Formen sind fast identisch mit den bestimmten Artikeln. Nur vier Felder weichen ab – im Genitiv und im Dativ Plural (im Folgenden hervorgehoben).
| maskulin | feminin | neutral | Plural | |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der | die | das | die |
| Akkusativ | den | die | das | die |
| Dativ | dem | der | dem | denen |
| Genitiv | dessen | deren | dessen | deren |
Wer die Artikeltabelle sicher kann, kann die Relativpronomen fast automatisch mit. Falls das Genus noch unsicher ist, lohnt zuerst ein Blick auf Der, die oder das?
Alle vier Fälle an einem Beispiel
Dasselbe Bezugswort – der Kollege –, vier verschiedene Rollen im Relativsatz:
| Kasus | Rolle im Relativsatz | Beispiel |
|---|---|---|
| Nominativ | Subjekt | Das ist der Kollege, der das Projekt leitet. |
| Akkusativ | direktes Objekt | Das ist der Kollege, den ich gestern getroffen habe. |
| Dativ | Dativobjekt (hier von helfen) | Das ist der Kollege, dem ich geholfen habe. |
| Genitiv | Besitz, Zugehörigkeit | Das ist der Kollege, dessen Büro neben meinem liegt. |
Beim Dativ entscheidet oft das Verb im Relativsatz: helfen, danken, gefallen, gehören verlangen den Dativ, ganz unabhängig davon, wie das Bezugswort im Hauptsatz steht.
Präposition plus Relativpronomen
Steht im Relativsatz eine Präposition, rückt sie vor das Relativpronomen – ans Satzende gehört sie nicht, anders als im Englischen. Den Kasus bestimmt dann die Präposition:
- Das ist die Firma, bei der ich arbeite. (bei + Dativ)
- Das ist das Projekt, an dem wir gerade sitzen. (an + Dativ)
- Das ist der Grund, aus dem ich abgesagt habe. (aus + Dativ)
- Das ist die Kollegin, für die ich das übernehme. (für + Akkusativ)
Welche Präposition welchen Kasus verlangt, steht unter Präpositionen richtig nutzen. Und bei Verben mit fester Präposition richtet sich die Wahl nach dem Verb: sich freuen auf ergibt das Fest, auf das ich mich freue.
wo, was und wo(r)+Präposition
Drei Sonderformen, die im Alltag ständig vorkommen:
| Form | Wann | Beispiel |
|---|---|---|
| wo | bei Orten – umgangssprachlich sehr üblich statt in dem / an dem | Die Stadt, wo ich wohne … (auch: in der ich wohne) |
| was | nach alles, etwas, nichts, vieles, das und nach einem Superlativ | Das ist alles, was ich weiß. / Das Beste, was mir passieren konnte. |
| wo(r)+Präp. | wenn sich der Relativsatz auf einen ganzen Satz bezieht | Sie hat abgesagt, worüber ich mich geärgert habe. |
Die dritte Form ist typischer B2-Stoff und begegnet Ihnen vor allem in geschriebenen Texten. Für den mündlichen Alltag reichen die ersten beiden völlig.
dessen und deren – der Genitiv im Relativsatz
Diese beiden Formen wirken schwierig, folgen aber einer einfachen Logik: Sie ersetzen ein Possessivpronomen. Aus sein Büro wird dessen Büro, aus ihre Tochter wird deren Tochter. Wichtig ist, dass sich Genus und Numerus nach dem Bezugswort richten, nicht nach dem folgenden Nomen:
- der Kollege, dessen Frau Ärztin ist (Bezugswort maskulin → dessen)
- die Kollegin, deren Mann Arzt ist (Bezugswort feminin → deren)
- die Nachbarn, deren Kinder hier zur Schule gehen (Bezugswort Plural → deren)
Nach dessen und deren steht das Nomen ohne Artikel – dessen Büro, nicht dessen das Büro. In der gesprochenen Sprache weicht man dieser Konstruktion gern aus (der Kollege, seine Frau ist Ärztin), im schriftlichen Prüfungsteil und in beruflichen Texten wird sie aber erwartet.
Drei Fehler, die immer wieder vorkommen
- Kasus aus dem Hauptsatz übernommen. Ich kenne den Mann, den dort steht. Richtig: der – im Relativsatz ist er Subjekt.
- Verb nicht am Ende. Das ist die Kollegin, die arbeitet in Hamburg. Richtig: …, die in Hamburg arbeitet.
- Komma vergessen. Im Deutschen steht vor jedem Relativsatz ein Komma – anders als im Englischen gibt es hier keine Wahlfreiheit.
Wie wir Relativsätze trainieren
Aus zwei Sätzen einen machen
Wir starten mit Ihren eigenen Sätzen aus dem Beruf oder Alltag und verbinden sie – nicht mit erfundenen Übungssätzen.
Erst Nominativ und Akkusativ
Diese beiden decken den größten Teil ab. Dativ, Genitiv und Präpositionen kommen erst dazu, wenn die Grundform sitzt.
Im Sprechen einsetzen
Personen und Gegenstände beschreiben, ohne den Namen zu nennen – eine einfache Übung, die den Relativsatz erzwingt.
In eigenen Texten prüfen
An Ihren Bewerbungen, E-Mails oder Prüfungstexten sehen wir, wo Relativsätze Ihren Stil sofort heben.
Häufige Fragen
Woher weiß ich, welchen Fall das Relativpronomen bekommt?
Genus und Numerus kommen vom Bezugswort im Hauptsatz, der Kasus aus der Rolle im Relativsatz selbst. Fragen Sie sich: Ist das Pronomen dort Subjekt, Akkusativ- oder Dativobjekt?
Ein Test: Bilden Sie den Relativsatz als eigenständigen Satz. „Der Mann steht dort“ – Subjekt, also Nominativ: „der Mann, der dort steht“.
Was ist der Unterschied zwischen „dessen“ und „deren“?
„Dessen“ steht bei maskulinen und neutralen Bezugswörtern im Singular, „deren“ bei femininen und im Plural. Entscheidend ist immer das Bezugswort, nicht das Nomen danach.
Also: „der Kollege, dessen Frau Ärztin ist“, aber „die Kollegin, deren Mann Arzt ist“.
Kann ich statt „in der“ einfach „wo“ sagen?
Bei Orten ja – „die Stadt, wo ich wohne“ ist im gesprochenen Deutsch völlig üblich und wird nicht als Fehler gehört.
In formellen Texten und im schriftlichen Prüfungsteil wirkt die Form mit Präposition präziser: „die Stadt, in der ich wohne“. Bei Nicht-Orten geht „wo“ nicht.
Muss vor einem Relativsatz immer ein Komma stehen?
Ja. Im Deutschen wird jeder Relativsatz durch ein Komma abgetrennt, und wenn der Satz weitergeht, steht auch dahinter eines: „Der Brief, den ich gestern bekommen habe, war wichtig.“
Das ist ein Unterschied zum Englischen, wo das Komma von der Bedeutung abhängt. Im Deutschen gibt es diese Wahl nicht.
Ab welchem Niveau brauche ich Relativsätze?
Systematisch kommen sie auf B1 dran, und ab dieser Stufe erwarten Prüfungen sie auch – im schriftlichen wie im mündlichen Teil.
Auf A2 begegnen sie Ihnen bereits in einfachen Formen. Ab B2 kommen die Genitivformen, Relativsätze mit Präposition und die Verbindungen mit wo(r)+Präposition dazu.
Preise
Einzelunterricht
45 € / 60 Min.100 % individuell · alle Niveaus
Kleingruppe
30 € / Person · 60 Min.2–3 Personen · kommunikativ
Prüfungsvorbereitung
50 € / 60 Min.Einzelcoaching · alle Formate
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