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Grammatik verstehen · B2 bis C2

Passiversatzformen: Das Problem lässt sich lösen – Passiv ohne werden

Der Antrag muss bis Freitag eingereicht werden – oder kürzer: Der Antrag ist bis Freitag einzureichen. In Behördenbriefen, Anleitungen, Verträgen und Fachtexten steht selten das volle Passiv mit werden. Stattdessen stehen dort Passiversatzformen: sich lassen, sein + zu, Adjektive auf -bar und das schlichte man. Jede trägt eine eigene Bedeutung – können oder müssen – und wer sie erkennt, versteht sofort, was verlangt wird. Hier stehen alle Formen, die Umformungstabelle, die Abgrenzung zum Zustandspassiv und die Fehler, die am häufigsten vorkommen.

Warum es Passiversatzformen gibt

Das Passiv mit werden stellt die Handlung in den Mittelpunkt und lässt offen, wer handelt: Das Formular wird ausgefüllt. Im geschriebenen Deutsch – in Behördentexten, Bedienungsanleitungen, Berichten und wissenschaftlichen Arbeiten – klingt es allerdings schnell schwerfällig, besonders in Verbindung mit Modalverben: Das Formular muss vollständig ausgefüllt werden. Passiversatzformen sagen dasselbe kürzer und tragen zusätzlich eine Bedeutung mit sich: Möglichkeit („kann gemacht werden“) oder Notwendigkeit („muss gemacht werden“).

Für Deutschlernende sind sie aus zwei Gründen wichtig: Sie stehen in genau den Texten, die ab B2 gelesen werden müssen – und sie werden in Prüfungen aktiv verlangt, meist als Umformungsaufgabe.

Die fünf wichtigsten Formen

FormBedeutungBeispielPassiv mit Modalverb
man + Aktivneutral, gesprochenMan kann das Problem lösen.Das Problem kann gelöst werden.
sich lassen + InfinitivMöglichkeit (kann)Das Problem lässt sich lösen.Das Problem kann gelöst werden.
sein + zu + InfinitivNotwendigkeit (muss) oder Möglichkeit (kann)Das Formular ist auszufüllen.Das Formular muss ausgefüllt werden.
Adjektiv auf -bar (auch -lich)MöglichkeitDas Problem ist lösbar.Das Problem kann gelöst werden.
reflexive KonstruktionEigenschaft, oft mit AdverbDas Buch verkauft sich gut.Das Buch wird gut verkauft.

sich lassen + Infinitiv

Die häufigste und natürlichste Form. Sie bedeutet immer können:

  • Der Termin lässt sich verschieben. = Der Termin kann verschoben werden.
  • Das lässt sich leicht erklären. = Das kann leicht erklärt werden.
  • Verneint: Der Fehler lässt sich nicht mehr korrigieren.

Achtung: lassen hat mehrere Bedeutungen – erlauben, veranlassen, zurücklassen. Nur die reflexive Verwendung ist Passiversatz. Alle Bedeutungen stehen unter Das Verb lassen, die Reflexivformen unter Reflexive Verben.

sein + zu + Infinitiv

Die typische Form in Formularen, Verträgen und Anleitungen. Ob sie muss oder kann bedeutet, ergibt sich aus dem Zusammenhang:

SatzBedeutung
Der Antrag ist bis Freitag einzureichen.muss eingereicht werden (Notwendigkeit – typisch mit Frist)
Die Unterlagen sind vollständig auszufüllen.müssen ausgefüllt werden
Das Problem ist leicht zu lösen.kann leicht gelöst werden (Möglichkeit – oft mit leicht, schwer, kaum)
Der Text ist kaum zu verstehen.kann kaum verstanden werden

Bei trennbaren Verben rutscht das zu in die Mitte: einzureichen, auszufüllen, abzugeben – siehe Trennbare Verben. Genau diese Form macht Behördenbriefe schwer lesbar; wer sie erkennt, versteht sofort, was von ihm verlangt wird.

Adjektive auf -bar und -lich

Aus vielen Verben lässt sich ein Adjektiv bilden, das „kann … werden“ bedeutet:

VerbAdjektivBedeutung
lösenlösbarkann gelöst werden
machenmachbarkann gemacht werden
lesenlesbar / leserlichkann gelesen werden
verstehenverständlichkann verstanden werden
bezahlenbezahlbarkann bezahlt werden
erreichenerreichbarkann erreicht werden
essenessbarkann gegessen werden

Mit un- wird daraus die Verneinung: unlösbar, unbezahlbar, unverständlich. Nicht jedes Verb erlaubt diese Bildung – hier hilft nur das Wörterbuch. Mehr zur Wortbildung unter Wortbildung.

Abgrenzung: Zustandspassiv und bekommen-Passiv

  • Zustandspassiv (sein + Partizip II): Das Formular ist ausgefüllt. Das ist kein Ersatz, sondern beschreibt das Ergebnis – die Handlung ist vorbei. Unterschied zum Vorgangspassiv (Das Formular wird ausgefüllt) unter Passiv.
  • bekommen- oder kriegen-Passiv: Er bekommt das Zeugnis zugeschickt. Hier wird die Person in den Mittelpunkt gestellt, die etwas erhält. Im gesprochenen Deutsch sehr häufig.
  • gehören + Partizip II: Das gehört verboten. Umgangssprachlich und stark wertend – in Prüfungstexten besser vermeiden.

Umformen: die klassische Prüfungsaufgabe

In TestDaF und DSH sowie in Sprachbausteinen auf B2- und C1-Niveau wird genau diese Umformung verlangt. Ein Satz, fünf Varianten:

VarianteSatz
Passiv mit ModalverbDie Aufgabe kann in zehn Minuten gelöst werden.
manMan kann die Aufgabe in zehn Minuten lösen.
sich lassenDie Aufgabe lässt sich in zehn Minuten lösen.
sein + zuDie Aufgabe ist in zehn Minuten zu lösen.
AdjektivDie Aufgabe ist in zehn Minuten lösbar.

Umgekehrt gilt: Steht in einem Text eine dieser Formen, können Sie sie für sich ins Passiv mit Modalverb übersetzen – dann ist sofort klar, ob es um können oder müssen geht.

Typische Fehler – und was dagegen hilft

FehlerRichtigWarum
Das Problem lässt lösen.Das Problem lässt sich lösen.Die Form ist reflexiv – sich gehört dazu.
Das Problem lässt sich gelöst werden.Das Problem lässt sich lösen.Nach sich lassen steht der reine Infinitiv, kein Passiv.
Der Antrag ist einreichen.Der Antrag ist einzureichen.sein + zu verlangt zu; bei trennbaren Verben in der Mitte.
Der Antrag ist zu einreichen.Der Antrag ist einzureichen.Trennbares Verb: einzureichen.
Das Formular ist ausgefüllt gemeint als „muss ausgefüllt werden“Das Formular ist auszufüllen.sein + Partizip II ist das Ergebnis, sein + zu + Infinitiv die Aufforderung.
Das Buch verkauft gut.Das Buch verkauft sich gut.Die mediale Konstruktion braucht das Reflexivpronomen.
Das ist nicht möglichbar.Das ist nicht möglich / nicht machbar.Nicht jedes Wort bildet ein -bar-Adjektiv.

Was auf welcher Stufe erwartet wird

StufeErwartung
B1man + Aktiv aktiv benutzen; lässt sich und -bar in Texten verstehen
B2sich lassen und sein + zu erkennen und selbst bilden; Umformung Passiv ↔ Ersatzform
C1Alle Formen aktiv und stilistisch bewusst; Behörden- und Fachtexte flüssig lesen
C2Feinunterschiede in Register und Bedeutung; eigene Texte ohne Passivhäufung schreiben

So arbeiten wir im Unterricht daran

Passiversatzformen lernt man am besten an echten Texten, denn dort stehen sie. Im Einzelunterricht bringen Sie mit, was Sie ohnehin lesen müssen – einen Brief vom Amt, eine Arbeitsanweisung, eine Hausordnung, einen Fachartikel – und wir markieren jede Ersatzform und übersetzen sie in „kann“ oder „muss“. Danach geht es in die andere Richtung: Sie schreiben eine kurze Anleitung oder einen Bericht und ersetzen jedes werden-Passiv durch eine andere Form. Für den Schritt von B1 auf B2 ist das einer der sichtbarsten Fortschritte, in TestDaF und DSH gehört die Umformung zum Standard. Der Rahmen ist das Grammatiktraining.

Häufige Fragen

Was sind Passiversatzformen?

Konstruktionen, die dieselbe Bedeutung wie ein Passiv mit Modalverb haben, aber ohne werden auskommen: man plus Aktiv, sich lassen plus Infinitiv, sein plus zu plus Infinitiv, Adjektive auf -bar oder -lich und mediale reflexive Sätze.

Das Problem kann gelöst werden entspricht: Man kann das Problem lösen. Das Problem lässt sich lösen. Das Problem ist zu lösen. Das Problem ist lösbar.

Was bedeutet „sein + zu + Infinitiv“?

Meist eine Notwendigkeit: Der Antrag ist bis Freitag einzureichen heißt, er muss eingereicht werden. Steht ein Adverb wie leicht, schwer oder kaum dabei, bedeutet die Form eine Möglichkeit: Das Problem ist leicht zu lösen heißt, es kann leicht gelöst werden.

Bei trennbaren Verben steht das zu in der Mitte: einzureichen, auszufüllen, abzugeben.

Was ist der Unterschied zwischen „ist ausgefüllt“ und „ist auszufüllen“?

Ist ausgefüllt ist das Zustandspassiv: Die Handlung ist vorbei, das Formular liegt fertig da. Ist auszufüllen ist eine Passiversatzform: Das Formular muss noch ausgefüllt werden.

Das eine beschreibt ein Ergebnis, das andere eine Aufgabe – in Behördenbriefen ein wichtiger Unterschied.

Wann benutzt man „sich lassen“?

Immer dann, wenn eine Möglichkeit ausgedrückt wird: Der Termin lässt sich verschieben heißt, er kann verschoben werden. Die Form ist im gesprochenen wie im geschriebenen Deutsch sehr häufig und klingt natürlicher als das Passiv mit können.

Wichtig ist das Reflexivpronomen sich und der reine Infinitiv danach – nicht lässt sich gelöst werden.

Auf welchem Niveau braucht man Passiversatzformen?

Auf B1 reicht es, man plus Aktiv aktiv zu benutzen und lässt sich sowie -bar-Adjektive zu verstehen. Ab B2 werden sie im eigenen Schreiben erwartet und in Sprachbausteinen abgefragt.

Auf C1 gehören sie zum normalen Schriftstil, etwa in Berichten, Anleitungen und wissenschaftlichen Texten; in TestDaF und DSH ist die Umformung eine Standardaufgabe.

Preise

Einzelunterricht

45 € / 60 Min.

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Behördenbriefe und Fachtexte lesen, ohne zu raten

Im Grammatiktraining nehmen wir die Texte, die Sie ohnehin lesen müssen, markieren jede Passiversatzform und übersetzen sie in kann oder muss. Danach schreiben Sie selbst – ohne Passivhäufung. Das Erstgespräch ist kostenlos.

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