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Grammatik verstehen · B2 bis C1

Konjunktiv I und indirekte Rede

Der Minister erklärte, die Reform sei notwendig und werde im Herbst kommen. Wer Zeitung liest, Nachrichten hört oder eine C1-Prüfung schreibt, kommt am Konjunktiv I nicht vorbei. Im Gespräch braucht ihn fast niemand – schriftlich ist er das Werkzeug, mit dem man fremde Aussagen wiedergibt, ohne sie sich zu eigen zu machen. Hier stehen Bildung, Ersatzregel, Zeitstufen und die Umformungen, die eine Prüfung verlangt.

Wozu der Konjunktiv I da ist

Der Konjunktiv I hat im heutigen Deutsch im Wesentlichen eine Aufgabe: die indirekte Rede. Er signalisiert: „Das ist nicht meine Aussage, ich gebe sie nur wieder.“ Damit bleibt offen, ob der Sprecher ihr zustimmt:

  • Direkt: Sie sagte: „Ich bin krank.“
  • Indirekt: Sie sagte, sie sei krank.
  • Indirekt mit dass: Sie sagte, dass sie krank sei.

Wo er vorkommt: in Zeitungen und Nachrichten (Zitate von Politikern, Sprechern, Studien), in Protokollen und Berichten, in wissenschaftlichen Texten (Der Autor argumentiert, …), in Gutachten und Behördentexten. Wo er nicht vorkommt: in Alltagsgesprächen. Dort sagt man Sie hat gesagt, sie ist krank oder … sie wäre krank – und das ist gesprochen völlig in Ordnung.

Die Bildung: Infinitivstamm + Endung

Der Konjunktiv I wird vom Infinitivstamm gebildet – ohne Vokalwechsel, anders als der Indikativ Präsens (er fährt, aber er fahre). Die Endungen sind immer dieselben:

Endunghabenseinkönnenwissenkommen
ich-ehabeseikönnewissekomme
du-esthabestseist / seiestkönnestwissestkommest
er / sie / es-ehabeseikönnewissekomme
wir-enhabenseienkönnenwissenkommen
ihr-ethabetseietkönnetwissetkommet
sie / Sie-enhabenseienkönnenwissenkommen

Fett markiert sind die Formen, die sich eindeutig vom Indikativ unterscheiden. Der Rest sieht aus wie das Präsens – und genau das ist das Problem, das die Ersatzregel löst. Praktisch gesehen brauchen Sie vor allem die 3. Person: Singular (er habe, sie sei, man könne, es gebe) und Plural (sie seien).

Die Ersatzregel: Konjunktiv II, dann würde

Wenn die Konjunktiv-I-Form mit dem Indikativ identisch ist, erkennt niemand, dass es indirekte Rede sein soll. Dann weicht man aus – in zwei Schritten:

SchrittRegelBeispiel
1Konjunktiv I ≠ Indikativ Präsens? → Konjunktiv IEr sagt, er habe Zeit. (Indikativ: hat) ✓
2Konjunktiv I = Indikativ Präsens? → Konjunktiv IISie sagen, sie hätten Zeit. (K I haben = Indikativ haben ✗)
3Konjunktiv II = Indikativ Präteritum? → würde + InfinitivSie sagen, sie würden jeden Tag lernen. (K II lernten = Präteritum lernten ✗)

In der Praxis ergibt sich daraus eine einfache Faustregel für die häufigsten Fälle:

Personwas meist stehtBeispiel
er / sie / es / manKonjunktiv IEr sagt, er komme morgen und bringe die Unterlagen mit.
ichKonjunktiv II (außer sei)Ich sagte, ich hätte keine Zeit. – Ich sagte, ich sei müde.
sie (Plural) / wirKonjunktiv II oder würde (außer seien)Sie sagten, sie hätten alles verstanden und würden morgen kommen. – Sie sagten, sie seien zufrieden.

Die Formen des Konjunktivs II (hätte, wäre, könnte, würde …) stehen auf der Seite Konjunktiv II.

Die Zeitstufen: nur drei

Die direkte Rede hat sechs Zeitformen, die indirekte nur drei. Alle drei Vergangenheitsformen werden zu einer:

direkte Redeindirekte RedeBeispiel
PräsensKonjunktiv I Präsens„Ich arbeite viel.“ → Er sagte, er arbeite viel.
Perfekt, Präteritum, PlusquamperfektKonjunktiv I Perfekt (habe/sei + Partizip II)„Ich habe gearbeitet.“ / „Ich arbeitete.“ / „Ich hatte gearbeitet.“ → Er sagte, er habe gearbeitet. – „Ich bin gekommen.“ → Er sagte, er sei gekommen.
Futur IKonjunktiv I Futur (werde + Infinitiv)„Ich werde kommen.“ → Er sagte, er werde kommen.

Auch hier gilt die Ersatzregel: Sie sagten, sie hätten gearbeitet (weil haben gearbeitet wie der Indikativ aussieht). Die Zeitformen des Indikativs im Überblick stehen unter Zeitformen.

Was sich sonst noch ändert

Beim Umformen wechselt die Perspektive – deshalb müssen Pronomen, Zeit- und Ortsangaben angepasst werden:

direktindirektBeispiel
ich, mein, mirer/sie, sein/ihr, ihm/ihr„Ich habe meinen Pass vergessen.“ → Sie sagte, sie habe ihren Pass vergessen.
heutean diesem Tag„Ich komme heute.“ → Er sagte, er komme an diesem Tag.
morgen / gesternam nächsten Tag / am Tag zuvor„Ich war gestern krank.“ → Er sagte, er sei am Tag zuvor krank gewesen.
hierdort„Hier ist es schön.“ → Sie sagte, dort sei es schön.
jetztin diesem Moment / damals–

Diese Anpassung ist nur nötig, wenn Zeit oder Ort der Wiedergabe tatsächlich anders sind als beim Original. In einem Zeitungsbericht vom selben Tag bleibt heute oft stehen.

Fragen und Aufforderungen

TypRegelBeispiel
Ja/Nein-Frageob + Nebensatz„Kommst du?“ → Sie fragte, ob ich komme (gesprochen) / ob ich käme (schriftlich).
W-FrageFragewort + Nebensatz„Wann fängt der Kurs an?“ → Er fragte, wann der Kurs anfange.
Bitte, Aufforderungsollen (neutral) oder mögen (höflich) im Konjunktiv„Warten Sie bitte!“ → Sie sagte, ich solle warten. / Sie bat, ich möge warten.
Befehlsollen / müssen„Verlassen Sie das Gebäude!“ → Er forderte, wir sollten / müssten das Gebäude verlassen.

Redeeinleitung und längere Passagen

Die indirekte Rede wird mit einem Verb des Sagens oder Denkens eingeleitet – oder mit einer Präposition. Nach der ersten Einleitung kann der Konjunktiv über mehrere Sätze ohne neue Einleitung und ohne dass weiterlaufen; der Konjunktiv selbst zeigt, dass es noch Wiedergabe ist:

EinleitungBeispiele
neutralsagen, erklären, berichten, mitteilen, äußern, angeben, ergänzen
mit Haltungbehaupten (Zweifel), betonen, versichern, zugeben, einräumen, bestreiten, warnen, fordern, kritisieren
Meinungmeinen, glauben, der Ansicht sein, davon ausgehen
Präpositionenlaut Ministerium, nach Angaben der Polizei, zufolge (nachgestellt: dem Bericht zufolge), wie … mitteilte

Beispiel einer längeren Passage: Die Sprecherin erklärte, das Unternehmen habe im letzten Jahr 200 neue Stellen geschaffen. Man wolle diesen Kurs fortsetzen und rechne mit weiterem Wachstum. Kritik an den Arbeitsbedingungen weise man zurück; die Vorwürfe seien nicht belegt. – Vier Sätze, eine Einleitung, kein dass.

Andere Verwendungen des Konjunktivs I

Neben der indirekten Rede gibt es Reste älterer Verwendungen – man muss sie erkennen, nicht bilden:

  • Wunsch, Segen: Gott sei Dank. – Es lebe die Freiheit. – Möge es gelingen.
  • Anweisung in Rezepten und Anleitungen: Man nehme 200 g Mehl und rühre … – Man beachte die Hinweise.
  • Mathematik, Logik: Sei x eine gerade Zahl …
  • Feste Formeln: wie dem auch sei, es sei denn, so sei es, komme, was wolle

Wo der Konjunktiv I in Prüfungen vorkommt

StufeErwartung
B1Indirekte Rede mit Indikativ oder dass-Satz reicht: Er hat gesagt, dass er krank ist. Konjunktiv I nur passiv in Lesetexten – siehe B1-Kurs
B2Konjunktiv I in Zeitungstexten und Hörtexten sicher erkennen; Aussagen in Berichten und Zusammenfassungen mit sei, habe, werde wiedergeben; Ersatzregel in Grundzügen – siehe B2-Kurs
C1Aktiv und korrekt im Schreiben: Zusammenfassung von Texten, Wiedergabe von Positionen in Stellungnahmen und Erörterungen, Protokoll; Ersatzregel vollständig; Zeitstufen und Umformungen sicher – siehe C1-Kurs und Goethe-Zertifikat C1
StudiumWiedergabe von Forschungspositionen in Hausarbeiten (Müller argumentiert, die Methode sei …); Lesen wissenschaftlicher Texte – siehe Deutsch für Studierende und TestDaF & DSH

Typische Fehler – und was dagegen hilft

  • Indikativ in einer Zusammenfassung: Der Autor sagt, die Lage ist ernst. Nicht falsch, aber auf C1 zu wenig – der Leser weiß nicht, ob Sie zustimmen. Gegenmittel: … die Lage sei ernst.
  • würde überall: Er sagt, er würde krank sein. Gegenmittel: würde ist Schritt 3, nicht Schritt 1 – zuerst sei.
  • Konjunktiv I, wo er wie Indikativ aussieht: Sie sagen, sie haben Zeit. Gegenmittel: Form identisch mit Indikativ? Dann hätten.
  • Stammwechsel übernommen: er fahre → er fähre, er gebe → er gibe. Gegenmittel: Konjunktiv I kommt vom Infinitiv – fahre, gebe, sehe, nehme.
  • seie statt sei: Gegenmittel: sein hat in der 1. und 3. Person Singular keine Endung – ich sei, er sei.
  • Pronomen nicht angepasst: Sie sagte, ich sei krank (gemeint war: sie selbst). Gegenmittel: Beim Umformen immer fragen: Wer spricht über wen?

Der Konjunktiv I ist ein reines Schreibthema – man übt ihn an Zeitungstexten und an den Aufgaben, die C1-Prüfungen stellen: Text zusammenfassen, Position wiedergeben, Stellung nehmen. Genau das machen wir im Unterricht, mit Korrektur an den Formen, die noch nicht sitzen. Wie ich Grammatik unterrichte, beschreibt die Seite Deutsche Grammatik verstehen.

Häufige Fragen

Wie bildet man den Konjunktiv I?

Vom Infinitivstamm mit den Endungen -e, -est, -e, -en, -et, -en: er habe, er komme, er könne, er wisse. Es gibt keinen Vokalwechsel: er fahre (nicht fähre). Nur sein ist unregelmäßig: ich sei, du seist, er sei, wir seien, ihr seiet, sie seien.

Für die Vergangenheit: habe/sei + Partizip II (er habe gearbeitet, sie sei gekommen); für die Zukunft: werde + Infinitiv.

Wann nimmt man in der indirekten Rede den Konjunktiv II?

Wenn die Konjunktiv-I-Form genauso aussieht wie der Indikativ – vor allem bei ich, wir und sie (Plural): Sie sagen, sie hätten Zeit (statt haben). Sieht auch der Konjunktiv II wie das Präteritum aus, nimmt man würde + Infinitiv: Sie sagen, sie würden jeden Tag lernen.

Bei sein ist das nie nötig: sei, seien sind immer eindeutig.

Muss in der indirekten Rede dass stehen?

Nein. Er sagte, er sei krank und Er sagte, dass er krank sei sind beide richtig. Ohne dass steht das Verb auf Position 2, mit dass am Ende. In längeren Passagen wird dass meist weggelassen – der Konjunktiv allein zeigt, dass es weiter Wiedergabe ist.

Braucht man den Konjunktiv I im Alltag?

Gesprochen kaum. Im Alltag sagt man Sie hat gesagt, sie ist krank oder … sie wäre krank, und beides ist in Ordnung. Der Konjunktiv I gehört in geschriebene Texte: Nachrichten, Berichte, Protokolle, wissenschaftliche Arbeiten – und in die Schreibaufgaben ab B2/C1.

Ab welchem Niveau wird der Konjunktiv I verlangt?

Passiv – also beim Lesen und Hören von Nachrichten – ab B2. Aktiv im Schreiben ab C1: in Zusammenfassungen, Stellungnahmen und Erörterungen, in denen fremde Positionen wiedergegeben werden. Auf B1 reicht die indirekte Rede mit Indikativ und dass-Satz.

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