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Grammatik verstehen · A2 bis C1

Futur I und Futur II: Wann das Deutsche die Zukunft wirklich braucht

Morgen fahre ich nach Hamburg. – Präsens, und trotzdem Zukunft. Das Deutsche benutzt für Pläne meistens die Gegenwart mit einer Zeitangabe; das Futur I steht seltener, dafür an festen Stellen: bei Prognosen ohne Zeitangabe, bei Versprechen – und vor allem bei Vermutungen. Denn Er wird zu Hause sein bedeutet in aller Regel nicht die Zukunft, sondern: Er ist wahrscheinlich gerade zu Hause. Hier stehen die Formen von Futur I und Futur II, die drei Bedeutungen, die Entscheidungshilfe Präsens oder Futur und die Fehler, die typisch sind, wenn die Muttersprache für jede Zukunft eine eigene Form hat.

Zuerst das Wichtigste: Deutsch braucht das Futur selten

Für die Zukunft benutzt man im Deutschen meistens das Präsens mit einer Zeitangabe: Morgen fahre ich nach Hamburg. Nächstes Jahr mache ich die Prüfung. Das ist kein Notbehelf, sondern der Normalfall – besonders im Gespräch. Das Futur I steht dann, wenn es keine Zeitangabe gibt, wenn eine Vermutung ausgedrückt wird oder wenn ein Versprechen beziehungsweise eine Aufforderung betont werden soll.

Futur I: Formen

werden (konjugiert) + Infinitiv am Satzende:

PersonwerdenBeispiel
ichwerdeIch werde anrufen.
duwirstDu wirst es schaffen.
er / sie / eswirdSie wird die Prüfung machen.
wirwerdenWir werden uns melden.
ihrwerdetIhr werdet viel lernen.
sie / SiewerdenSie werden eine Nachricht bekommen.

Im Nebensatz rückt das konjugierte werden ganz ans Ende, hinter den Infinitiv: Ich hoffe, dass ich die Prüfung bestehen werde. Mit Modalverb stehen zwei Infinitive: Ich werde morgen arbeiten müssen. Alle Zeitformen im Überblick stehen unter Zeitformen, die Konjugation unter Verben konjugieren.

Die drei Bedeutungen des Futur I

BedeutungSignalwörterBeispiel
1. Zukunft – Plan, Prognoseohne Zeitangabe, oft in Nachrichten und PrognosenDie Preise werden weiter steigen.
2. Vermutung über die Gegenwartwohl, sicher, bestimmt, wahrscheinlich, vielleichtEr wird jetzt wohl im Unterricht sein. (= Er ist wahrscheinlich gerade im Unterricht.)
3. Versprechen oder AufforderungBetonung, oft mit schon, bestimmtIch werde mich darum kümmern. – Du wirst jetzt bitte zuhören.

Die zweite Bedeutung überrascht viele Lernende: Er wird zu Hause sein bedeutet in der Regel nicht Zukunft, sondern eine Vermutung über jetzt. Erkennbar ist sie an den Wörtern wohl, bestimmt, sicher, wahrscheinlich – den Modalpartikeln und Vermutungsadverbien.

Futur II: Formen und Gebrauch

werden + Partizip II + haben oder sein:

BedeutungBeispielEntspricht
abgeschlossene Handlung in der Zukunft – oft mit bisBis Freitag werde ich den Antrag abgegeben haben.Dann ist er abgegeben.
Vermutung über die VergangenheitEr wird den Zug verpasst haben.Er hat wahrscheinlich den Zug verpasst.
mit sein-VerbenSie wird schon angekommen sein.Sie ist wahrscheinlich schon angekommen.

Ob haben oder sein steht, richtet sich nach denselben Regeln wie im Perfekt – siehe Perfekt oder Präteritum? und Unregelmäßige Verben. In der gesprochenen Sprache ist das Futur II selten; man sagt eher Bis Freitag habe ich den Antrag abgegeben oder Er hat wahrscheinlich den Zug verpasst. Wichtig ist vor allem, die Form zu verstehen, wenn sie in Texten vorkommt.

Präsens oder Futur I? Eine kurze Entscheidungshilfe

  • Mit Zeitangabe → Präsens. Nächste Woche beginnt der Kurs. Das Futur wäre nicht falsch, klingt aber umständlich.
  • Ohne Zeitangabe und mit Blick nach vorn → Futur I. Es wird nicht einfach werden.
  • Prognosen und Nachrichten → Futur I. Das Wetter wird sich ändern. Die Mieten werden steigen.
  • Vermutung über jetzt → Futur I mit wohl. Sie wird wohl noch im Büro sein.
  • Festes Versprechen → Futur I. Ich werde Ihnen die Unterlagen morgen schicken. Im Geschäftsbrief wirkt das verbindlicher als das Präsens.

In der geschäftlichen E-Mail und in der Bewerbung ist diese letzte Nuance nützlich: Das Futur I macht aus einer Ankündigung eine Zusage.

Typische Fehler – und was dagegen hilft

FehlerRichtigWarum
Ich werde morgen nach Hamburg fahren werden.Ich werde morgen nach Hamburg fahren.Nur ein werden: konjugiert an Position 2, Infinitiv am Ende.
Ich werde morgen gefahren.Ich werde morgen fahren.Futur I braucht den Infinitiv, nicht das Partizip II. Mit Partizip II wäre es Passiv.
Ich hoffe, dass ich bestehen werde die Prüfung.… dass ich die Prüfung bestehen werde.Im Nebensatz steht werden ganz am Ende.
Morgen ich werde arbeiten.Morgen werde ich arbeiten.Position 1 belegt → Verb an Position 2 (Satzbau).
Ich will morgen kommen für „ich werde kommen“Ich werde morgen kommen.wollen ist kein Futurhilfsverb, sondern bedeutet Absicht – anders als im Englischen.
Er wird den Zug verpasst.Er wird den Zug verpasst haben.Futur II braucht Partizip II und haben oder sein.
Bis Freitag werde ich fertig sein werden.Bis Freitag werde ich fertig sein.Doppeltes werden – die Form ist bereits vollständig.

Was auf welcher Stufe erwartet wird

StufeErwartung
A1 / A2Zukunft mit Präsens und Zeitangabe; Futur I nur passiv verstehen
B1Futur I bilden und für Pläne, Prognosen und Versprechen benutzen
B2Vermutung mit Futur I und wohl; Futur II in Texten verstehen
C1Futur II aktiv, auch für Vermutungen über die Vergangenheit; stilistische Wahl zwischen Präsens und Futur

So arbeiten wir im Unterricht daran

Das Futur ist eine der Zeitformen, bei denen weniger mehr ist: Viele Lernende benutzen es zu oft, weil ihre Muttersprache für jede Zukunft eine eigene Form hat. Im Einzelunterricht beginnen wir deshalb mit der Entscheidung – Präsens oder Futur? – an Ihren eigenen Plänen: Was machen Sie nächste Woche, was wird sich in Ihrem Beruf ändern, wo werden Sie in fünf Jahren sein? Danach kommt die Bedeutung, die in Prüfungstexten am häufigsten übersehen wird: die Vermutung mit wohl. In Goethe B1 und telc B1 gehören Pläne und Vorhersagen zu den Standardthemen im Sprechen und Schreiben. Der Rahmen ist das Grammatiktraining.

Häufige Fragen

Wie bildet man Futur I?

Mit dem konjugierten Verb werden an Position 2 und dem Infinitiv am Satzende: Ich werde anrufen. Sie wird die Prüfung machen. Wir werden uns melden.

Im Nebensatz steht werden ganz am Ende, hinter dem Infinitiv: Ich hoffe, dass ich die Prüfung bestehen werde. Mit Modalverb stehen zwei Infinitive: Ich werde arbeiten müssen.

Muss man für die Zukunft immer Futur benutzen?

Nein. Im Deutschen ist das Präsens mit einer Zeitangabe die übliche Form für die Zukunft: Morgen fahre ich nach Hamburg. Nächstes Jahr mache ich die Prüfung. Im Gespräch klingt das natürlicher als das Futur.

Das Futur I steht vor allem bei Prognosen ohne Zeitangabe, bei Vermutungen und bei betonten Versprechen oder Aufforderungen.

Was bedeutet „Er wird zu Hause sein“?

In den meisten Fällen eine Vermutung über die Gegenwart: Er ist wahrscheinlich gerade zu Hause. Erkennbar ist diese Bedeutung an Wörtern wie wohl, bestimmt, sicher oder wahrscheinlich: Er wird wohl zu Hause sein.

Soll wirklich die Zukunft gemeint sein, macht man das mit einer Zeitangabe deutlich: Er wird heute Abend zu Hause sein.

Wie bildet man Futur II und wann braucht man es?

Mit werden plus Partizip II plus haben oder sein: Bis Freitag werde ich den Antrag abgegeben haben. Sie wird schon angekommen sein.

Es hat zwei Bedeutungen: eine Handlung, die zu einem Zeitpunkt in der Zukunft abgeschlossen ist, und eine Vermutung über die Vergangenheit (Er wird den Zug verpasst haben). Im Gespräch ist die Form selten; wichtig ist vor allem, sie in Texten zu verstehen.

Warum ist „Ich will morgen kommen“ kein Futur?

Weil wollen im Deutschen eine Absicht ausdrückt und kein Hilfsverb für die Zukunft ist – anders als das englische will. Ich will morgen kommen heißt: Ich habe die Absicht zu kommen.

Für eine neutrale Zukunftsaussage steht Ich komme morgen oder Ich werde morgen kommen.

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